Das Potenzial im anderen erkennen

In jedem Moment können wir wählen, ob wir die Menschen in unserer Umgebung bestärken oder herunterziehen. Ohne die Ermutigung meiner Tango Community in London hätte ich vielleicht nie den Sprung nach Buenos Aires gewagt.


Es ist eine dieser Nächte, denen ein Zauber innewohnt. Ein kühler Herbstabend in London und in der Milonga Tango Terra glüht das Leben. Der Holzboden vibriert, der Wein fließt, Bandoneon und Violine füllen den Raum mit Nostalgie und Leidenschaft. Ohne Pause tanze ich eine Tanda nach der nächsten. Von Patrick zu Sean, von Sean zu Stuart, von Stuart zu Martin. In jeder Umarmung blühe ich mehr auf. Meine Tangofamilie gibt mir ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen. Diese Basis macht es mir leicht, mich zu entfalten. Ich zeige mich ohne Angst in meiner Essenz und werde gesehen. Werde geschätzt im geschützten Rahmen. Martin lacht über meine tänzerischen Schnapsideen und ermutigt mich zu mehr. Seine Augen leuchten vor Bewunderung und er überhäuft mich wie so oft mit Komplimenten.


Meine Tanzpartner wurden zum Spiegel, in dem ich mein eigenes Potential erkennen konnte.

In vielen Menschen schlafen einzigartige Talente. Und manchmal bleiben sie unentdeckt, weil niemand sie wach küsst. Manchmal brauchen wir jemanden, der an uns glaubt, damit wir an uns selber glauben. Generell, und im Tango ganz besonders.

Meine Tanzpartner wurden zum Spiegel, in dem ich mein eigenes Potential erkennen konnte. Das und meine Intuition haben mir den Mut gegeben, nach Buenos Aires auszuwandern und mich ganz dem Tango zu widmen. Ohne Job, ohne Plan, ohne Spanisch.



Argentinien bringt das Beste in mir hervor


Vom ersten Moment an hatte ich das Gefühl, zu Hause angekommen zu sein. Die südamerikanische Mentalität liegt mir sehr: Menschen gehen herzlich aufeinander zu und begegnen einander mit ehrlichem Interesse. Von Anfang an bekam ich Hilfe von allen Seiten. In Argentinien erlebe ich eine Art von Gemeinschaftsgefühl, das seines gleichen sucht.

In der Tango Szene gibt es einen "dicho", eine Redewendung:


"El hombre hace brillar a la mujer."

Übersetzt: "Der Mann bringt die Frau zum Strahlen." Ich kenne ebenfalls das andere Extrem: Tangos, in denen ich permanent kritisiert werde und als Reaktion auf die abwertende Haltung meines Tanzpartners so nervös werde, dass ich tatsächlich miserabel tanze. In jedem Moment können wir entscheiden, ob wir aktiv im anderen sein Bestes oder Schlechtes hervorbringen. In der Milonga wie im Alltag. Ob wir vor allem die Mängel oder das Potenzial im anderen sehen. Oftmals sind wir groß im Herumnörgeln aber verschweigen unsere Bewunderung. Warum? Ist es die Angst unseres Egos, dadurch selbst weniger wert zu sein? Verlieren wir etwas, wenn wir jemand anderen ein Kompliment machen?



Ich begann, mich für den Tango als Spiegel des Lebens zu interessieren

und knüpfte eine Verbindung zu Biodanza: eine Methode, bei der die Teilnehmer*innen durch Tanz in ihrem persönlichen Wachstum gestärkt werden. So entstand die Methode "Biotango", die ich mittlerweile in Argentinien, den USA, England, den Niederlanden und meinem Heimatland Österreich unterrichtet habe. Seit Corona gibt es meine Klassen weltweit: online.



Und dann kam Corona...


Die Pandemie hat mich kalt erwischt. Ich war gerade in mein wunderschönes Home Studio in Almagro gezogen, um hier Klassen zu geben & Zimmer zu vermieten, plante meine Europa-Tour und hatte meine ersten Buchungen für meine maßgeschneiderten Buenos Aires Tango Urlaube. (Reisenden authentische Erfahrungen und meinen hiesigen Freunden Arbeitsmöglichkeiten verschaffen macht mich sehr glücklich. Ich verstehe mich als Brücke zwischen den Kulturen). Mir war klar, dass der Lockdown lang sein wird, und ich habe mich entschieden, ihn hier zu machen. Ich meine es ernst mit Buenos Aires. Es sind die Krisen, die Beziehungen auf die Probe stellen. Die Krisen, in denen wir unser wahres Gesicht zeigen - Position beziehen, weglaufen, durchhalten. Mutlos aufgeben oder die Ärmel hochkrempeln und sagen: "Jetzt erst recht!".

Wie damals in den wunderbaren Tandas in Tango Terra in London gibt mir Corona jetzt erneut die Chance, noch heller zu leuchten. Die Einschränkungen motivieren mich, kreativ zu werden. Das tägliche Tanzen ist Nahrung für meine Seele. Als Bloggerin teile meine Impulse mit anderen, erweitere mein Publikum, erlebe meinen ersten Crowdfunding Erfolg, veröffentliche eine Website, feile an meiner Methode, katalogisiere Musik, begreife Tanz als Überlebensstrategie, Coaching und wesentlichen Beitrag für unsere mentale Gesundheit. Ohne Corona hätte ich viele dieser Aspekte nicht oder zumindest nicht mit der selben Intensität erlebt. Oder erst viel später.


In a nutshell: Die Umarmung im Tango: Symbol für "Annehmen, was ist". Voll und ganz JA sagen zu jedem Moment, jeder Tanda, jedem (Tanz)Partner, jeder Pandemie. Und mit vollem Bewusstsein das Beste draus machen.



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